
Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Sie sind eine der größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit und die medizinische Praxis – auch in Deutschland. 2023 wurde die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie DART 2030 verabschiedet. Im Aktionsplan sind für die Bereiche Antibiotikaresistenz und Antibiotikaverbrauch sechs Ziele bis 2030 definiert, mit denen sich aktuelle Entwicklungen bewerten lassen. Anlässlich der Welt-Antibiotikawoche (World AMR Awareness Week, WAAW) vom 18. bis 24.11.2025 und des Europäischen Antibiotikatags am 18.11.2025 gibt das RKI eine Übersicht über aktuelle Trends bei Antibiotikaresistenzen und -verbrauch in Deutschland und Hinweise für den klinischen Alltag.
DART-2030-Ziele Antibiotikaresistenz
Der Aktionsplan von DART 2030 sieht vor, dass für vier Erreger-Antibiotika-Kombinationen die Inzidenz von Blutstrominfektionen (Anzahl von Blutstrominfektionen pro 100.000 Einwohner) bis 2030 gesenkt wird. Ausgangswert ist jeweils die Inzidenz der Blutstrominfektionen von 2019. Analysen des RKI bis einschließlich 2024 zeigen:
Escherichia coli mit Resistenz gegen Cephalosporine der 3. Generation
Ziel: Die Inzidenz von Blutstrominfektionen mit Escherichia coli mit Resistenz gegen Cephalosporine der 3. Generationsoll bis 2030 um 12 % gegenüber 2019 reduziert werden.
Zielbereich noch nicht erreicht: Nachdem die Inzidenzen von Blutstrominfektionen während der COVID-19-Pandemie zunächst rückläufig waren, steigen sie seit 2022 wieder an und liegen nun erstmals deutlich oberhalb des für 2030 definierten Ziels.
Klebsiella pneumoniae mit Carbapenem-Resistenz
Ziel: Die Inzidenz von Blutstrominfektionen mit Carbapenem-resistenten Klebsiella pneumoniae soll bis 2030 um 2 % gegenüber 2019 reduziert werden.
Zielbereich noch nicht erreicht: Die Inzidenzen von Blutstrominfektionen steigen seit 2020 kontinuierlich und liegen mit einer Zunahme um 65 % zum Ausgangswert 2019 weit über den Zielvorgaben für 2030. Dennoch bleibt die Inzidenz mit weniger als einem Fall pro 100.000 Einwohnern insgesamt gering.
Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA)
Ziel: Die Inzidenz von Blutstrominfektionen mitMethicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)soll bis 2030 um 10 % gegenüber 2019 reduziert werden.
Zielbereich erreicht: Die Zielvorgaben sind bereits seit 2021 erreicht. Seit 2023 sind jedoch leicht steigende Tendenzen bei den Inzidenzen zu beobachten.
Vancomycin-resistente Enterococcus faecium (VRE)
Ziel: Die Inzidenz von Blutstrominfektionen mitVancomycin-resistenten Enterococcus faecium (VRE)soll bis 2030 um 20 % gegenüber 2019 reduziert werden.
Zielbereich erreicht: Die Inzidenzen liegen bereits im Zielbereich.
Hinweis zur Datengrundlage: Im Rahmen der Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) erhebt das RKI Daten zu humanpathogenen Erregern und deren Resistenzen. Daten aus ARS werden jährlich für die Surveillance von antimikrobiellen Resistenzen auf europäischer Ebene an EARS-Net (European Surveillance of Antimicrobial Resistance Network) des ECDC übermittelt und dort auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Für die Vergleichbarkeit im europäischen Kontext werden für die nationalen Reduktionsziele (DART 2030) Daten aus EARS-Net dargestellt.
DART-2030-Ziele Antibiotikaverbrauch
Antibiotika-Gesamtverbrauch
Ziel: Der Gesamtverbrauch von Antibiotika soll in der stationären und ambulanten Versorgung um 9 % im Vergleich zu 2019 gesenkt werden. Gemessen wird der Verbrauch in der Defined Daily Dosis (DDD) pro 1.000 Einwohner und Tag.
Zielbereich noch nicht erreicht: Analysen des RKI zeigen, dass der Gesamtverbrauch in Deutschland 2024 im Vergleich zu 2023 leicht angestiegen ist – von 13,3 auf 13,8 DDD/1000 Einwohner/Tag. Demzufolge ist von 2019 bis 2024 im Vergleich zum geschätzten Ausgangswert von 12,6 DDD/1.000 Einwohner/Tag eine Zunahme des Antibiotikaverbrauchs um 9,5 % zu verzeichnen (siehe auch Hinweise zur Datengrundlage unten).
Anteil von Access-Antibiotika
Ziel: Der Anteil der Access-Antibiotika (gemäß der WHO-AWaRe-Klassifikation) am Antibiotikagesamtverbrauch soll bis 2030 mindestens 65 % betragen. In der AWaRe-Klassifikation der WHO werden Antibiotika nach der Breite ihres Wirkspektrums und ihrem Einsatzbereich von unkomplizierten Infektionen bis zu Infektionen mit multiresistenten Erregern klassifiziert. Dabei werden die Kategorien Access-, Watch- und Reserve-Antibiotika unterschieden (siehe Abbildung unten).
Zielbereich noch nicht erreicht: Der Anteil der Access-Antibiotika am Antibiotikagesamtverbrauch (ambulant und stationärer Sektor zusammen) lag im Jahr 2024 bei 62,8 % und damit noch nicht im Zielbereich. Im Vergleich zu 2023 ist der Anteil der Access-Antibiotika 2024 jedoch gestiegen (siehe auch Hinweise zur Datengrundlage unten).
Die in die Analyse einbezogenen Wirkstoffe sind: Antibiotika zur systemischen Anwendung (J01), Neomycin oral (A07AA01), Streptomycin oral (A07AA04), Polymyxin B oral (A07AA05), Kanamycin oral (A07AA08), Vancomycin oral (A07AA09), Colistin oral (A07AA10), Rifaximin (A07AA11), Fidaxomicin (A07AA12), Rifamycin oral (A07AA13), Rifampicin (J04AB02), Rifampicin intravenös (J04AB03), Rifabutin (J04AB04), Metronidazol oral (P01AB01), Tinidazol oral (P01AB02), Ornidazol oral (P01AB03) und Secnidazol (P01AB07)
Hinweise zur Datengrundlage: Die Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance (AVS) des RKI ist ein nationales Surveillance-System, das Daten zum Antibiotikaverbrauch im stationären Bereich erhebt. Für den ambulanten Sektor liegen Daten zum Antibiotikaverbrauch des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) vor. Ambulante Antibiotikaverbrauchsdaten des WIDO sowie auf die Bevölkerung hochgerechnete Antibiotikaverbrauchsdaten aus dem Krankenhaussektor aus AVS werden jährlich an das europäische Surveillance-Netzwerk für Antibiotikaverbrauch ESAC-Net (European Surveillance of Antimicrobial Consumption Network) übermittelt. Für die Vergleichbarkeit im europäischen Kontext werden nationale Daten zum Antibiotikaverbrauch mit Daten aus anderen Ländern der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums dargestellt. Hierbei ist zu beachten, dass die ESAC-Net Daten den Antibiotikaverbrauch bezogen auf 1.000 Einwohner des jeweiligen Landes pro Tag beschreiben. Die dafür notwendigen Hochrechnungen der AVS-Daten für den stationären Bereich sind erst seit zwei Jahren in ESAC-Net verfügbar. Für den Ausgangswert von 2019 wurde für den stationären Sektor in Deutschland ein populationsbezogener Antibiotikaverbrauch von 12,6 DDD/1.000 Einwohner/Tag geschätzt.
Welche präventiven Maßnahmen können Ärztinnen und Ärzte ergreifen?
- Indikationsbezogene Antibiotikagabe: Antibiotika nur dann einsetzen, wenn eine bakterielle Infektion wahrscheinlich oder nachgewiesen ist.
- Richtige Auswahl, Dosierung und Dauer: Überprüfen der antimikrobiellen Therapie nach 48 Stunden bzw. bei Vorliegen des Antibiogramms.
- Infektionsprävention: Hygienemaßnahmen (z. B. Händehygiene, Isolierung bei Besiedlung/Infektion mit multiresistenten Erregern) im klinischen und ambulanten Kontext.
- Lokale Resistenzstatistik: Kenntnisse über lokale Erreger- und Resistenzsituation, z. B. über Internetseite der Antibiotika-Resistenz- und -Verbrauchs-Surveillance des RKI https://amr.rki.de.
Entscheidungshilfe zur Antibiotikagabe
- Abwägen: Die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer bakteriellen Infektion sollte anhand des klinischen Erscheinungsbildes, der Anamnese und der verfügbaren Laborwerte abgewogen werden. Nach Möglichkeit sollte eine mikrobiologische Diagnostik eingeleitet werden.
- Kalkulierte Antibiotikatherapie: Eine kalkulierte Therapie sollte unter Kenntnis der lokalen Resistenzsituation und unter Einbeziehung des klinischen Erscheinungsbildes der Patientinnen und Patienten eingeleitet werden. Antibiotika der Kategorien „Watch“ und „Reserve“ nach AWaRe-Klassifikation wie beispielsweise Carbapeneme und neue Substanzen zur Behandlung resistenter Erreger sollten Patienten mit Infektionen mit resistenten Erregern vorbehalten bleiben.
- Gezielte Antibiotikatherapie: Die Antibiotikatherapie sollte nach 48 Stunden bzw. unverzüglich bei Vorliegen eines Antibiogramms überprüft und nach Möglichkeit angepasst werden. Das Ziel besteht darin, für die jeweilige Infektion wirksame Antibiotika mit einem möglichst schmalen Wirkspektrum einzusetzen. Antibiotika mit schmalen Spektrum werden in der Regel von der behandelten Person besser vertragen und führen zu weniger Resistenzen bei der behandelten Person und in der Gesellschaft.
- Dokumentation und Feedback: Die Therapieentscheidung und die vermutete bzw. gesicherte Infektion sollten dokumentiert werden, damit eine spätere Überprüfung und Therapieanpassung möglich sind.
- Das Konzept des Antibiotic Stewardship (ABS) unterstützt die rationale Antibiotikaverordnung und hilft, den Antibiotikaeinsatz zu optimieren, siehe https://www.antibiotic-stewardship.de