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Impfquote in Deutschland: Offenbar weiß keiner, was wirklich los ist!

Seit Jahren ist bekannt, dass das Meldesystem des RKI für Infektionskrankheiten alles andere als zukunftsweisend ist. Experten kritisierten schon häufiger, dass Grippe- und Erkältungswellen dort erst aktenkundig würden, wenn sie schon längst abgeklungen sind. Durch die Corona-Pandemie hat sich beim RKI offenbar nichts verbessert. Die dem Gesundheitsministerium untergeordnete Behörde äußert selbst dazu: Bei der Interpretation der Impfquoten-Daten gebe es eine „gewisse Unsicherheit“, das Meldesystem funktioniere „nicht wie gewünscht“. 

Wie steht es also mit der Tatsächlichen Impfquote in Deutschland? Für Aufsehen sorgte ein kürzlich veröffentlichter COVIMO-Report. Er ergab, dass die Meldungen im Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) die Impfquote vermutlich als zu gering angeben wird. Jetzt soll in den nächsten Wochen ein aktualisierter Report erscheinen

Auf der Online-Plattform Doc-Check kritisierten jetzt Ärzte das eklatante Fehlen valider Daten: „Ein genauer Überblick über die Impfzahlen ist, glaube ich, kaum möglich“, sagt Allgemeinärztin Dr. Sandra Masannek, sie impft seit Beginn der Kampagne in ihrer Hausarztpraxis. „Es haben so viele verschiedene Stellen geimpft, dass keiner mehr weiß, wer was gemacht hat.“ Darunter würde die Qualität der Statistik leiden. 

Das Problem: In Deutschland existiert kein zentrales Register, in das alle Impf-Meldungen direkt einfließen. Stattdessen gibt es je nach Kassenart und Art der Impfeinrichtung viele unterschiedliche Meldewege nebeneinander. Das offizielle Impfmonitoring setzt sich aus Meldungen von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen Impfteams und mittlerweile auch Betriebsmedizinern zusammen. Außerdem fließen Daten der niedergelassenen Ärzte und Privatärzte über die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Privatärztlichen Abrechnungsstellen ein.

Panter: „Impfmonitoring? Das ist Anachronismus“

„Wir brauchen aber möglichst wenige Schnittstellen“, sagt Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW). So wie das Meldesystem aktuell aufgesetzt ist, seien viele Fehler bei der Übertragung möglich. In einer pandemischen Phase seien sechs Blätter Papierkram pro Impfung außerdem nicht angemessen. Das ganze Meldesystem sei zu theorielastig geprägt, Praktiker wären nicht einbezogen worden. „Ein echtes digitales Impfmonitoring müsste direkt einzugeben sein“, so Panter. Das aktuelle System ist für ihn eher ein „Anachronismus“. Er fordert, die Impfaufklärung künftig elektronisch zu hinterlegen, sozusagen die elektronische Patiententakte beim Impfen. „Das, was vorgesehen ist, brauchen wir jetzt.“ 

Impf-Meldungen: Wo sind die 7. Dosen hin?

Nicht nur der Bürokratie-Aufwand ist ein Grund, weshalb Meldungen möglicherweise nicht in der Statistik auftauchen. Auch die monatelange unklare Rechtslage für Ärzte, was die Nutzung zusätzlicher Dosen aus den Vials betrifft– zum Beispiel sieben Dosen statt sechs bei Biontech – könnte dazu beigetragen haben. Masannek: „Melde ich also 7 Impfdosen, wenn ich offiziell nur 6 benutzen darf? Hier in NRW durften wir das, aber in anderen Bundesländern war die Rechtslage unklar, so dass ich mir gut vorstellen kann, dass diese Impfdosen zwar inoffiziell verimpft wurden, was ja auch völlig richtig ist. Aber keiner würde dann das offizielle Meldewesen darauf stoßen, dass man etwas rechtlich Angreifbares getan hat – also werden nur 6 gemeldet“, so ihre Einschätzung.